Das Bild der Schönheit in Faust – Der Tragödie erster Teil

Bild: Faust bietet Gretchen den Arm, von Peter von Cornelius (1811)

Auszug der Publikation von Mario Maier im Kurs Ästhetik (Sommersemester 2012) von Dr. Gerhard Schweppenhäuser an der Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt:

[…] Schönheit und Ästhetik sind Bedürfniserfahrungen. Dem metaphysischen Schönheitsbegriff nach handelt es sich bei Schönheit um eine von Gott selbst erschaffene Eigenschaft, die in Verbindung mit Metaphysik, Kosmologie und Theologie steht; Schönheit bezieht sich also auf höhere, göttliche Gefilde. In Goethes „Faust der Tragödie erster Teil“ verkörpert Faust selbst dieses Streben. Dieses ausweglose Verlangen nach Göttlichem wird in der Szene „Nacht“ durch Fausts Existenzkrise (scio nescio) deutlich.

„Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor; Heiße Magister, heiße Doktor gar und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm Meine Schüler an der Nase herum – Und sehe, daß wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen. […]“¹

Faust strebt nach Transzendenz. Er möchte die endliche Erfahrungswelt überschreiten und alles Unerklärliche, Göttliche, das „was die Welt im Innersten zusammenhält“², erfahren.

Ein weiterer Teil der Schönheit in Faust 1 ist das Sinnbild der Helena von Troja, welches durch Gretchen verkörpert wird. In der Szene „Hexenküche“ verabreicht Mephisto Faust einen Trank, mit dem er „bald Helenen in jedem Weibe“ ³ sieht. Helena von Troja galt in der griechischen Mythologie als schönste Frau ihrer Zeit. Faust, der diesen Trank nahm, begegnete Gretchen und sah in ihr die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Zunächst betrachtete er ihre Schönheit nach kulturalistischer Definition. Er bewunderte sie, ohne sofort sexuelle Hintergedanken zu haben. Er begehrte sie, wollte sie aber nicht besitzen. Dies änderte sich, nachdem er sie verführt und geschwängert hatte. Faust war wie besessen von ihr und man könnte fast sagen, dass er Gretchen besitzen wollte. In der griechischen Mythologie heißt es, dass sich viele Männer um Helena stritten, weswegen letztendlich sogar der trojanische Krieg ausgebrochen sein soll. In Faust zeigte sich das durch seine Hartnäckigkeit und auch im Kampf gegen Gretchens Bruder Valentin. Es stand also klar der Besitz im Vordergrund, da Faust um Gretchen wie um eine Trophäe kämpfte. Seine Sexualität und Lust stand nur noch im Vordergrund (interessengesteuertes Wohlgefallen). In Gretchen spiegelt sich zudem, zumindest bevor Faust sie entweihte, die Theorie der inneren Schönheit wider, denn Mephistopheles konnte Gretchen nicht beeinflussen, da sie innerlich rein war. […]


¹ Johann Wolfgang von Goethe: Faust – Der Tragödie erster Teil, Stuttgart: Reclam, 2007, S. 13
² Johann Wolfgang von Goethe: Faust – Der Tragödie erster Teil, Stuttgart: Reclam, 2007, S. 13
³ Johann Wolfgang von Goethe: Faust – Der Tragödie erster Teil, Stuttgart: Reclam, 2007, S. 74